Spiritueller Impuls

Pfarrer Martin Berker | Neu-Isenburg

Vier Leitgedanken zu Erwartungen an katholische Kindertageseinrichtungen

Katholische Kindertageseinrichtungen stehen im Spannungsfeld unterschiedlicher Erwartungen von Eltern, Schule, Kirche und Öffentlichkeit. Eltern erwarten von Kindertageseinrichtungen, dass ihr Kind sowohl gut betreut als auch in seiner körperlichen, seelischen und geistigen Entwicklung optimal unterstützt wird. Die individuellen Fähigkeiten und Begabungen sollen frühzeitig erkannt und gefördert werden. Zudem sollen die Grundlagen für eine erfolgreiche Schullaufbahn gelegt werden. Die Gründe für die Wahl einer katholischen Einrichtung sind vielfältig und hängen nicht zuletzt auch vom jeweiligen Angebot an Kindertagesstätten vor Ort ab. Neben den Öffnungszeiten oder der Wohnortnähe ist vor allem die pädagogische Qualität der Einrichtung ein entscheidendes Kriterium. Dazu gehört auch die religionspädagogische Arbeit. Viele Eltern erkennen den Wert religiöser Erziehung und Bildung für die Entwicklung ihrer Kinder. Aufgrund eigener Glaubensunsicherheit und religiöser Sprachlosigkeit neigen nicht wenige jedoch dazu, die religiöse Erziehung den „Fachleuten“ in Kindertageseinrichtungen und Gemeinden zu überlassen. Sie erwarten von einer kirchlichen Einrichtung, dass die Erzieherinnen und Erzieher die religiösen und moralischen Fragen der Kinder aufgreifen und kindgemäße Antworten anbieten können. Oft werden Eltern durch die religiösen Fragen ihrer Kinder angeregt, sich selbst wieder neu mit dem Glauben auseinanderzusetzen. Erzieherinnen und Erzieher werden für Eltern und Kinder zu Ansprechpartnern in Glaubensfragen.

Ein Teil der Eltern erwartet darüber hinaus Unterstützung bei pädagogischen Schwierigkeiten oder in familiären Krisensituationen. Gelegentlich sind Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert, so dass die Kindertageseinrichtungen die Erziehungsaufgaben der Eltern teilweise übernehmen müssen. Das Gespräch mit Migranteneltern stellt Erzieherinnen und Erzieher vor besondere Verständigungsprobleme. Die Gründe liegen sowohl in Sprachschwierigkeiten als auch in unterschiedlichen Erziehungsvorstellungen. Diese Elterngruppe erwartet, dass die Kindertageseinrichtung ihren Kindern bei der Integration in die deutsche Gesellschaft und in das deutsche Bildungswesen hilft, ohne sie der Herkunftskultur der Familie zu entfremden.

⇒ Katholische Kindertageseinrichtungen verstehen sich als familienunterstützende Bildungseinrichtung und orientieren ihre Arbeit am Prinzip der Bildungs- und Erziehungspartnerschaft mit den Eltern. Sie sehen Eltern als Kooperationspartner und wollen deren Erziehungsverantwortung stärken.

Die Schule erwartet, dass Kindertageseinrichtungen Wissen und Kompetenzen vermitteln, die beim Eintritt in die Grundschule vorausgesetzt werden, damit diese ihren Erziehungs- und Bildungsauftrag erfüllen kann. Dazu gehören insbesondere ein bestimmtes Niveau in der Beherrschung der deutschen Sprache, aber auch motorische und soziale Fähigkeiten. Grundschulpädagogen sprechen hier oft von Schulfähigkeit, die die Kinder in der vorschulischen Erziehung erwerben sollen. Dieser Begriff weckt vielfach die Befürchtung, dass die Elementarpädagogik sich zukünftig stärker der Grundschulpädagogik anpassen soll und die Kindertageseinrichtung ihre eigenständige pädagogische Konzeption verliert und zur Vorschule wird. Elementarpädagogen ziehen es vor, von einem bewusst gestalteten Über12 gang von der Kindertageseinrichtung in die Grundschule zu sprechen. Unbeschadet der unterschiedlichen Perspektiven von Elementar- und Grundschulpädagogen stimmen beide darin überein, dass die Schulfähigkeit der Kinder eine gemeinsame Aufgabe von Eltern, Erziehern und Lehrern ist. Um die Kontinuität in der pädagogischen Arbeit der Kindertageseinrichtung und der Grundschule zu sichern und die Zusammenarbeit beider Bildungseinrichtungen zu fördern, haben die Bundesländer Bildungspläne erlassen, die Bildungsziele und Bildungsinhalte für Kindertageseinrichtungen verbindlich vorgeben. Diesen Plänen liegt in einigen Bundesländern ein lebensphasenübergreifendes Bildungsverständnis zugrunde. Die Erzieherinnen und Erzieher sehen in den Bildungsplänen eine wichtige Orientierung für ihre Arbeit. Es bleibt jedoch die Aufgabe zu lösen, wie die neue Orientierung an überprüfbaren Kompetenzen, die alle Kinder erwerben sollen, in Einklang zu bringen ist mit dem Anspruch, die Persönlichkeitsentwicklung jedes einzelnen Kindes zu fördern. Erforderlich ist ein integratives Bildungsverständnis, das unterschiedliche, der jeweiligen Entwicklung der Kinder angemessene pädagogische Ansätze in Elementar- und Grundschulpädagogik sowie den Zusammenhang von Persönlichkeitsentwicklung und Kompetenzerwerb wahrt und eine pädagogisch reflektierte Kooperation von Kindertageseinrichtung und Grundschule ermöglicht.

⇒ Katholische Kindertageseinrichtungen fördern in der Zusammenarbeit mit Grundschulen eine kontinuierliche Bildungsbiographie der Kinder in Bezug auf Bildungsziele, Kompetenzen, Inhalte, Methoden und Personen.

Die Kirche betrachtet die Tageseinrichtungen für Kinder als Teil des Gemeindelebens. Durch diese Einrichtungen verwirklicht die Gemeinde ihren pastoral-diakonische Auftrag, Zeugnis 13 zu geben von der bedingungslosen Liebe Gottes, der „will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2,4). Katholische Kindertageseinrichtungen sind ein Dienst der Kirche an Kindern und Familien, der von vielen Eltern unabhängig von ihrer Kirchenzugehörigkeit geschätzt wird. Durch die Einrichtungen nimmt die Kirche ihre Verantwortung für die getauften Kinder wahr und unterstützt die Eltern bei der christlichen Erziehung und Bildung. Gleichzeitig eröffnet sie kirchendistanzierten Eltern und ihren oft ungetauften Kinder die Möglichkeit, den katholischen Glauben kennen zu lernen oder wiederzuentdecken. Kindertageseinrichtungen bereichern das Gemeindeleben und gestalten es mit, wenn sie mit anderen Aktivitäten und Vollzügen der Gemeinde verbunden und bei allem Respekt vor ihrer Eigenständigkeit auch als Teil der Gemeinde erfahrbar sind. Infolge der Schaffung größerer pastoraler Räume wird ihre Bedeutung für das Gemeindeleben vor Ort wachsen. Denn Kindertageseinrichtungen eröffnen Zugänge zur Gemeinde dort, wo Menschen wohnen. Damit Kindestageseinrichtungen als Orte gelebten Glaubens erfahren werden können, legt die Kirche Wert auf ein erkennbar katholisches Profil ihrer Einrichtungen. Dieses Profil hat unterschiedliche Aspekte wie die Qualität der religiösen Erziehung, die Beheimatung der Erzieherinnen und Erzieher im Glauben oder die Teilnahme am Gemeindeleben vor Ort. Es zeigt sich aber vor allem in einem Bildungsverständnis, das vom christlichen Glauben getragen ist. Dieses Bildungsverständnis trägt auch wesentlich zur Qualität und zur Profilierung der Kindertageseinrichtungen in der Konkurrenz zu Einrichtungen anderer Träger bei. 14

⇒ Katholische Kindertageseinrichtungen sind als Bildungseinrichtungen Orte gelebten Glaubens und gestalten das Gemeindeleben vor Ort mit.

Ein Fokus der öffentlichen Bildungsdiskussion richtet sich seit mehreren Jahren auf die frühkindliche Erziehung und Bildung. In dieser Diskussion wird immer wieder auf die steigenden Qualifikationsanforderungen in der Arbeitswelt hingewiesen. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, soll neben der schulischen Bildung und der beruflichen Ausbildung auch die vorschulische Erziehung und Bildung verbessert werden. Denn nach neueren neurobiologischen und lernpsychologischen Erkenntnissen werden in der Entwicklungsphase bis zum 6. Lebensjahr wesentliche kognitive, emotionale, soziale, motorische und sprachliche Fähigkeiten erworben, deren Fehlen oder mangelnde Ausprägung in späteren Entwicklungsphasen nur bedingt ausgeglichen werden kann. Die Kindertageseinrichtung wird heute als erste und grundlegende öffentliche Bildungseinrichtung verstanden. Deshalb haben die Jugendministerkonferenz und die Kultusministerkonferenz im Juni 2004 einen „Gemeinsamen Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen“ vereinbart, der in den Bildungsplänen der Bundesländer inhaltlich gefüllt wird. Die Qualität der Kindertageseinrichtungen wird wie die anderer Bildungseinrichtungen (Schule, Hochschule, Berufsbildung) zunehmend nach den überprüfbaren Ergebnissen pädagogischen Handelns bewertet. Zentrale Forderungen sind die Förderung der Sprachkompetenz, die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund und die Förderung von Kindern aus sozial benachteiligten Familien. Katholische Kindertageseinrichtungen verschließen sich den gesellschaftlichen Erwartungen nicht. Insbesondere das Engage15 ment für Migranten und sozial benachteiligte Gruppen gehört zum Kern kirchlicher Diakonie und Bildungsarbeit. Allerdings orientiert sich der Bildungsauftrag katholischer Kindertageseinrichtungen nicht primär am prognostizierten Qualifikationsbedarf der Arbeitswelt, sondern am Recht des Kindes auf Persönlichkeitsentwicklung, Chancengleichheit und Weltorientierung. Deshalb legen die Träger kirchlicher Kindertageseinrichtungen großen Wert darauf, dass die pädagogischen und administrativen Gestaltungsfreiheiten nicht über Gebühr durch staatliche Vorgaben eingeschränkt werden.

⇒ Katholische Kindertageseinrichtungen gestalten als Bildungseinrichtungen unsere Gesellschaft mit. Sie folgen einem integrativen Bildungsverständnis, das berechtigte gesellschaftliche Erwartungen an das Bildungswesen mit der Orientierung der pädagogischen Arbeit an der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes verbindet.

So verständlich und berechtigt die unterschiedlichen Erwartungen sind, die heute an Kindertageseinrichtungen in kirchlicher Trägerschaft gestellt werden, eines darf nicht aus Blick geraten: Pädagogische Arbeit aus christlichem Glauben orientiert sich immer am Wohl des Kindes. Kindertageseinrichtungen sind deshalb als Orte zu gestalten, an denen das Kind Kind sein darf und in kindgemäßer Weise die Welt entdecken und Glauben leben kann.

 

Quelle:

Aus: Welt entdecken, Glauben leben. Zum Bildungs- und Erziehungsauftrag katholischer Kindertageseinrichtungen (2008) / hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. – Bonn 2009 (Die deutschen Bischöfe; 89), S. 10-15.