Spiritueller Impuls

Pfarrer Thomas Meuer | Heppenheim

Eine Kultur der Aufmerksamkeit für die Charismen

In einer Kirche, die sich als Gemeinschaft der Berufenen versteht, kommt den Charismen der Getauften konstitutive Bedeutung zu. Die Pastoral der Berufung orientiert sich an den Charismen und bringt in vielfältiger Weise Neues hervor. Es gibt einen engen Zusammenhang von Berufung und Charismen: Indem die Getauften ihre Charismen leben, realisieren sie ihre Berufung. Charismen können als vom Geist Gottes „geadelte“ Talente verstanden werden. Sie sind immer als Begabungen für den Dienst an anderen zu verstehen. So wie niemand für sich allein berufen wird, können Charismen nicht bei sich verbleiben.

Der Entdeckung und Begleitung der Charismen kommt demnach eine besondere pastorale Bedeutung zu. Das Zweite Vatikanische Konzil betont in diesem Zusammenhang die Verantwortung der Amtsträger in der Kirche. Sie „sollen die Geister prüfen, ob sie aus Gott sind, und die vielfältigen Charismen der Laien, schlichte wie bedeutende, mit Glaubenssinn aufspüren, freudig anerkennen und mit Sorgfalt hegen. Unter den Gaben Gottes, die sich reichlich bei den Gläubigen finden, verdienen die eine besondere Pflege, die nicht wenige zu einem intensiveren geistlichen Leben anspornen“ (Presbyterorum ordinis 9). Die Amtsträger haben die „vornehmliche Aufgabe, … die Gläubigen so als Hirten zu führen und ihre Dienstleistungen und Charismen so zu prüfen, dass alle in ihrer Weise zum gemeinsamen Werk einmütig zusammenarbeiten“ (Lumen gentium 30).

Die Aufgabe der Unterscheidung ist deshalb besonders anspruchsvoll, weil sie von der wechselseitigen Bezogenheit aller Charismen und der einheitsstiftenden Kraft des Heiligen Geistes her vorgenommen werden muss. Einheit meint für Paulus in der Charismenlehre freilich Einheit in Verschiedenheit. Es geht ihm darum, dass kein persönliches Charisma genügt, um die Gemeinde aufzubauen. Vielmehr braucht jedes Charisma die Ergänzung durch andere Charismen, denn der Aufbau der Kirche geschieht nur im Zusammenspiel. Charismen haben keinen Selbstzweck, haben keinen elitären Charakter, sondern haben einen bestimmten Nutzen, der allen zukommt, also der Einheit, dem Miteinander im Leib Christi dienen (vgl. 1 Korinther 12,1-31a). Die vom Amtsträger geforderte geistliche Unterscheidung ist also viel mehr als eine schnelle persönliche oder gar willkürliche Einschätzung.

Letztlich ist jeder und jede Getaufte aufgefordert, die eigenen Charismen und die der anderen zu entdecken. Allen Getauften kommt daher die Aufgabe zu, aufmerksam dafür zu sein, welche Charismen Gott heute schenkt. Eine solche Kultur der Aufmerksamkeit für die Charismen fragt interessiert: Was bewegt einen konkreten Menschen? Was ist sein geistliches Anliegen? Welche spezifischen Talente (Fähigkeiten) bringt er mit? Wie können sie genutzt werden, um die Sendung der Kirche zu leben und dem Aufbau der Gemeinde zu dienen? Gefragt werden muss demnach weniger: „Welche vordefinierten Aufgaben gilt es zu verteilen?“ Die Frage lautet vielmehr: „Welche Charismen sind vor Ort vorhanden – und wie können sie dem Aufbau der Kirche am Ort dienen?“

In einer solchen Kultur der Aufmerksamkeit für die Charismen eröffnet sich ein Raum, in welchem Menschen ermutigt werden, freimütig und entschieden auf Gottes Ruf antworten zu können. Eine Orientierung an den Charismen ist die wesentliche Voraussetzung dafür, dass die Kirche ihren Sendungsauftrag in der heutigen Welt erfüllen kann.

Bei der Übertragung von Aufgaben, besonders auf Ehrenamtliche, ist darauf zu achten, dass die vorhandenen Charismen zur Aufgabe passen oder mit der Aufgabe wachsen können. Auch auf die Unterstützung und Förderung sowie die Bereitstellung der für eine Aufgabe notwendigen Informationen und des notwendigen Wissens ist zu achten. Das kann in manchen Fällen zunächst auch kleinschrittige Begleitung bedeuten, zum Beispiel wenn eine übernommene Aufgabe ganz neu ist. Die Bereitschaft zur Kommunikation und eine von Interesse an der Förderung des anderen geprägte Haltung sollen nach Kräften gefördert werden.

Die Orientierung an Charismen ist auch für den Einsatz von Priestern, Diakonen und Gemeindereferentinnen und -referenten in der Pastoral von Bedeutung. Neben der Verteilung und Erfüllung von vorgegebenen und notwendigen pastoralen Aufgaben sollte im Team der Hauptamtlichen eine Verständigung darüber erfolgen, welche persönlichen Charismen sie in die pastorale Arbeit einbringen. Im besten Fall korrespondieren die zu erfüllenden Aufgaben mit der Charismenbegabung der Hauptamtlichen. Bei jedem Personaleinsatz/Personalwechsel im Pastoralteam gilt es, das komplexe Zusammenspiel von verbindlich zu erfüllenden pastoralen Aufgaben und der Charismenbegabung des/der einzelnen Hauptamtlichen aufmerksam und sensibel zu bedenken.

Quelle:
Das Zukunftsbild für das Erzbistum Paderborn, 2014. Mit freundlicher Genehmigung des Erzbistums Paderborn.